Biographie

EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN

Ein am 01. April 1980 im legendären Berliner Club „Moon“ gespieltes Konzert gilt als die offizielle Geburtsstunde der EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN. Eine am 01. April 2010 im legendären Berliner Club „Tresor“ stattfindende Jubiläumsfeier bekundet, dass die EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN auch nach 30 Jahren intensivster Musikekstase immer noch unter den Lebenden weilen. Warum das nicht selbstverständlich ist, zeigt folgender Abriss, des bewegten Lebens, einer bewegenden Band.

Es waren Blixa Bargeld, N.U. Unruh und FM Einheit, die mit der Veröffentlichung ihres Debütalbums „Kollaps“ im November 1981 sämtlichen konventionellen Hörgewohnheiten den Kampf ansagten. Lärmgewaltiger, rhythmusritueller Anti-Pop als Gegengift für die verängstigen, paralysierten und medial sedierten Massen; hervorgeprügelt aus einem zumeist sorgsam zusammen gestohlenen Baustellen-, Schrottplatz- und Heimwerkerbedarfs-Instrumentarium aus Stahlteilen, Fässern, Bohrmaschinen, Hämmern, Sägen und einer ungestimmten E-Gitarre. Gekrönt wurde das zum Leben erweckte Klangmonster durch Bargeld‘s markerschütterndes Schreien und den fiebrigen, von Untergangsphantasien geschwängerten Texten, die um Zerfall und Zerstörung, Krankheit, Untergang und Tod kreisten. Genau diese nonkonformistische Mixtur sollte der Grundstein eines völlig neuen Musikverständnisses sein, das später zahllose Mainstream-Popbands wie DEPECHE MODE, NINE INCH NAILS, Marilyn Manson oder RAMMSTEIN beeinflussen wird.

In den Folgejahren baute das um Alexander Hacke und Mark Chung angewachsene Expertenteam seine bahnbrechenden Klangfeldversuche mit den ebenfalls zu Meilensteinen der Industrial-Szene hoch stilisierten Alben „Zeichnungen des Patienten O.T.“ (1983), „1/2 Mensch“ (1985), „Fünf auf der nach oben offenen Richterskala“ (1987) und „Haus der Lüge“ (1989) immer weiter aus. Die eruptiven Lärm-Parts werden dabei zunehmend sparsamer eingesetzt, Songstrukturen nähern sich immer mehr konventionelleren Formen an. Stücke wie „Armenia“, „Yü-Gung (Fütter mein Ego)“, „Z.N.S.“ oder „Feurio!“ prägten eine ganze Generation und dienen auch heute noch als oft kopierte Blaupausen experimenteller Klangkunst und -performance. Anfangs noch von den Medien als bizarre Mauerstadt-Kuriosität belächelt, etablierten sich die EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN schon bald zur international gefragten Größe der Gegenwarts- und Pop-Kultur.

Nach weit reichenden Erfahrungen mit vom Feuilleton euphorisch angenommenen Theater-Projekten mit renommierten Regisseuren und Dramaturgen wie Peter Zadek, Heiner Müller oder Leander Haussmann schlagen die EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN mit „Tabula Rasa“ (1993), „Ende Neu“ (1996), „Silence Is Sexy“ (2000) und „Perpetuum Mobile“ (2004) schließlich ein neues Kapitel klangschöpferischer Entdeckertätigkeit auf, bei der die Kontraste zwischen laut und leise, Lärm und Harmonie bis ans Limit der Frequenzbandbreite ausgearbeitet werden. Getragen von einer trügerischen, perforierten Ruhe und Sanftheit zeigt sich Chefideologe Blixa Bargeld mit Songs wie „Die Interimsliebenden“, „Stella Maris“ oder „Die Befindlichkeit des Landes“ auf der Höhe seiner lyrischen Schaffenskunst: Verklausuliert, um Ecken und um Kanten denkend, sinnierend.

Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends sind die EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN die weltweit erste und einzige Band, die ebenso erfolgreich wie produktiv das Internet zur Sammlung ihrer Fans und Bündelung ihrer Aktivitäten nutzt. So organisierten die EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN ihre offizielle Website www.neubauten.org ab 2002 zu einem zuvor noch nicht gesehenen Epizentrum musikalischer Aktivität. Ganze Albumproduktionen wurden in drei Phasen von den so genannten Supportern durch ein Subskriptionsmodell finanziert.

Die Supporter konnten per Webcam bei den Aufnahmesessions zu den ersten beiden „Supporter-Alben“ (2002/2005) zuschauen und wurden zudem von der Band aufgefordert, im direkten Chat-Austausch mit den Mitgliedern zu kommentieren und gegebenenfalls sogar zu beeinflussen.

Auf dieselbe Weise, also über Subskribtion, wurde auch die “Musterhaus” Reihe (eine Sammlung experimenteller, jenseits jeglicher Vermarktbarkeit liegender Alben) ausschließlich über die Homepage vertrieben. Das Projekt wurde 2007 eingestellt. Eine Phase IV ist bislang nicht geplant.

Den vorläufigen Höhepunkt in der ebenso wechselvollen wie beispiellosen Geschichte der EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN markiert der symbolträchtige Auftritt am 04. November 2004 im mittlerweile abgerissenen Berliner „Palast der Republik“, dem ehemaligen Sitz des Machtapparates der untergegangenen DDR. Das eindrucksvolle Livematerial, wie u.a. die Background-Verstärkung durch einen 100köpfigen Supporter-Chor auf dem Song „Grundstueck“, wurde wenig später auf dem begeistert aufgenommenen „Grundstueck“-Album samt gleichnamiger DVD (2005), sowie auf der DVD „Palast der Republik“ (2006) veröffentlicht.

2007 traten die EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN noch einmal mehr den Beweis für die nachhaltige Wirksamkeit ihrer philo-akustischen Langzeittherapie an: Nach erfolgreich bestandener Tournee durch das Vereinigte Königreich präsentieren sich die gereiften Avantgarde-Allstars auf einer ausgedehnten Welttournee mit ihrem Album „Alles wieder offen“ (2007) und ihrer bisher letzten Veröffentlichung „The Jewels“ (2008) in einem in seiner Intimität und Fragilität bisher nie da gewesenen Licht. Die einstige Berliner Mauerkrankheit haben Blixa Bargeld, Alexander Hacke, N.U. Unruh, Rudolf Moser und Jochen Arbeit vollends besiegt und die apokalyptischen Visionen und Todessehnsüchte früherer Tage gehören schon längst der Vergangenheit an. Den nimmermüden Entdeckergeist indes treibt noch immer das gleiche, heiß lodernde Verlangen an: Die EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN forschen weiter auf ihrer ewigen Suche nach dem noch unentdeckten Geräusch.